Flucht in die Scheinwelt

Big Brother

 

Die Phänomene in unserer Gesellschaft, der hoch industrialisierten Welt, lassen nur noch verwundern. Vor allem junge Leute wagt man nicht mehr anzusprechen; sie bilden zu Hause und im Straßenbild eine Schar von gesenkten Köpfen mit Kopfhörern isoliert, und sich in den Händen mit Handys und Smartphones fleißig beschäftigen – Geräte, auf die sie scheinbar Tag und Nacht nicht mehr verzichten können. Sie vermitteln den Eindruck, als ob sie ihre Umwelt ignorieren wollen und lieben es abzuheben mit ihren Programmen, RPG’s (Role Play Games = Rollenspiele), Apps, Foren, Chatrooms und Sozialen Netzwerken. Man fragt sich, was daran „sozial“ ist, wenn jeder Gedanke, jedes Gefühl und Vorhaben sofort einer breiten Masse angeblicher Freunde und Usern zur Verfügung gestellt wird. Es könnte eine moderne Art von geistigem Exhibitionismus sein, der den Einzelnen jedoch angreifbar macht. Beweise hierfür sind zunehmendes Mobbing, nervenraubende Dispute und Kriminalität über das World Wide Web.

Lautes Telefonieren in der Öffentlichkeit zwingt die Mitmenschen zum Mithören. In manchen Bereichen mussten sogar schon Ruhezonen bzw. Handyverbote errichtet werden, um akustischen Terror zu vermeiden. Die Preisgabe der Persönlichkeitssphäre führt nicht zuletzt zu Indiskretion und Kontrolle durch staatliche Organe, die wir doch alle ablehnen?!

Der Einstieg und Verbleib in der virtuellen Welt ist mittlerweile Ersatz für die Wirklichkeit und wirkt wie eine Droge. Ist vielleicht die Expansion der Informations – Technologie auch ein Ersatz für die Sprachlosigkeit in den Familien, in denen keine normalen Gespräche mehr stattfinden, ganz abgesehen von der Verfremdung der Muttersprache, die doch ein hohes Gut jeden Volkes sein muss?!

Die Anhäufung von Statussymbolen und ihre übertriebene Nutzung stürzen manche Familien in die Schuldenfalle, die wiederum die Berufstätigkeit beider Elternteile erfordert. Auf diese Weise wird eine Generation von teils falsch ernährten, hörgeschädigten, mit teurer Markengarderobe bekleidete und sich selbst überlassene Kinder herangezogen, deren Heil darin besteht, permanent die immer wieder neuesten Modelle der Computer– und Spieleindustrie (vor allem Egoshooter und Gewaltspiele) zu benutzen, verbunden mit einem großen Mangel an körperlicher Bewegung in der frischen Luft.

Somit wird eine Schar von kranken und übergewichtigen Stubenhockern, die vor den Spielkonsolen subtil manipuliert wird und denken lässt, herangezüchtet, anstatt Phantasie und Eigeninitiative zu entwickeln.

Es überrascht nicht mehr, dass eine einheitlich denkende, nach den Massenmedien ausgerichtete sprachlose und ungebildete Menschheit die Zukunft unseres Volkes ist, was fast gleichzusetzen ist mit dem Volkstod. Ihr kennt den TV – Werbeslogan „Pass auf, was Dein Kind mit Medien macht!“ Tatsächlich müsste es heißen: „Pass auf, was Medien mit Deinem Kind machen!“

Man kommuniziert nicht mehr persönlich auf Augenhöhe, sondern zieht es vor, Antworten auf Fragen bzw. Stellungnahmen online oder per SMS abzugeben. So tötet man jeden persönlichen Dialog und es besteht keine Notwendigkeit mehr, eine wahrheitsgemäße sachliche Unterhaltung zu führen. Lügen wird immer leichter und salonfähig, weil man dem Gegenüber nicht mehr ins Angesicht schaut.

Diese zeitintensive Larifari – Kommunikation und ihre Ablenkung von wichtigeren Dingen endet in Hilflosigkeit und Ohnmacht der Umwelt gegenüber.

Wenn man nicht dafür Sorge trägt, erhobenen Hauptes durchs Leben zu gehen, und den Mitmenschen als lebendiges Individuum wahrnimmt, das persönliche An– und Aussprache braucht und eine Kommunikation auf einer fairen Ebene benötigt, betrachtet man den Nächsten nur noch als ein „Es“.

Denn: Das wahre Gegenteil von „Liebe“ ist nicht „Hass“, sondern „Gleichgültigkeit“. Der Hass, so schlecht er auch ist, behandelt den Nächsten zuletzt als etwas „Lebendiges“. Gleichgültigkeit jedoch verwandelt ihn in ein „Etwas“, in eine „Sache“.

Darum kann man sagen, dass es tatsächlich Dinge gibt, die schlechter sind als das „Böse“ und in dem Satz offenbar werden: „Das ist mir völlig gleich!“

Bildquelle: Bernd Kasper| pixelio.de

 

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