Lehrerin zur Inklusion: „Ich konnte das nicht mehr aushalten.“

Während der Begriff der Inklusion eigentlich noch umfassender ist, wird er in der momentan politischen Diskussion hauptsächlich benutzt, um den gemeinsamen Unterricht von behinderten und nicht behinderten Kindern in einer Klasse zu bezeichnen. Zunächst ein Lieblingsprojekt rot-grüner Kreise, fiel auch die CDU bald um und unterstützte das Experiment. Inzwischen geht die CDU aus wahlkampftaktischen Gründen teilweise wieder auf Abstand, da das flächendeckende Scheitern dieses Experiments, außerhalb einiger Vorzeigeschulen, nicht mehr zu verheimlichen ist.

Der „Spiegel“ veröffentlichte Anfang des Jahres Gespräche mit insgesamt fünf Lehrerinnen aus denen die Probleme wieder klar hervorgehen. Von den insgesamt fünf befragten Lehrerinnen sind drei äußerst kritisch, während zwei die Umsetzung der Inklusion positiv sehen. Die eine Befürworterin arbeitet an einer der Vorzeigeschulen, wo nahezu durchgehend zwei Lehrer pro Klasse zur Verfügung stehen, wodurch vielen Problemen entgegengewirkt werden kann.

Dies ist aber nur bei einem verschwindend geringen Anteil der Schulen der Fall. In den meisten Inklusionschulen ist die Unterstützungskraft hingegen nur wenige Stunden pro Woche anwesend. So trifft auch sie den Punkt, als sie äußert: „Das ist ein riesiger Vorteil, denn für Kinder mit Förderbedarf ist es extrem wichtig, dass nicht mal für zwei Stunden eine Lehrerin für eine Förderung hereinschneit und dann wieder geht, sondern dass verlässlich feste Bezugspersonen da sind.“ Während rot-grüne Bildungspolitiker auf solche möglicherweise funktionierenden Einzelfälle unter Idealbedingungen hinweisen, um an ihrem Gesellschaftsexperiment festzuhalten, ignorieren sie konsequent, dass die Zustände an Durchschnittsschulen deutlich anders aussehen.

Diese Zustände beschreiben die anderen drei Lehrerinnen ausführlich. Interessanter Nebenaspekt: Nur die Lehrerinnen, welche die Umsetzung der Inklusion loben, trauten sich ihren Namen veröffentlichen zu lassen, die anderen verschwiegen ihn lieber. Ein deutliches Zeichen für das vergiftete Meinungsklima heutzutage.

Eine vorherige Sonderschullehrerin aus Schleswig-Holstein, die danach in einer Inklusionsschule gearbeitet hat, äußert zum gewöhnlichen Stundenkontingent: „In meinem Landkreis gilt folgende Regel: Jedes Kind mit sonderpädagogischem Förderbedarf hat Anspruch auf 1,8 Stunden Förderung pro Woche durch einen Sonderpädagogen. An meiner Schule saßen meist vier bis sechs Schüler mit Förderbedarf in einer Klasse, so dass ich dort acht bis 12 Stunden pro Woche mit im Unterricht war. Leider nicht immer kontinuierlich in einem Fach. Es konnte sein, dass sich die acht Stunden auf vier Fächer verteilten. So war eine systematische Förderung oft ausgeschlossen.

Anfangs begrüßte sie das Konzept auch, weil sich die Schüler an der Sonderschule so zunächst weniger stigmatisiert vorkamen. Das änderte sich aber bald wieder. „Ich habe vor allem Schüler mit auffälligem Verhalten und Lernschwierigkeiten betreut und mich bemüht, ihnen den Stoff auf einem einfachen Niveau zu vermitteln. Aber wenn ständig jemand neben ihnen sitzt, erleben Schüler das oft als neue Stigmatisierung und fühlen sich zerrissen. Sie merken, dass sie Hilfe brauchen, lehnen sie aber ab, weil damit für alle sichtbar wird: Der ist anders, der schafft es nicht alleine. Die Schüler finden deshalb oft keine Ruhe.“ Tatsächlich verstärkt sich die Stigmatisierung also, zusätzlich wird nötige Hilfe wesentlich unwilliger angenommen, was zwangsläufig wiederum zu schlechteren Leistungen führt.

Leider sind die Bedingungen, unter denen sie jetzt lernen, so miserabel, dass die Kinder in der Regel völlig überfordert sind: mit dem Stoff, dem Tempo, der Unruhe.“ Der Lärmpegel steigt dabei naturgemäß an: „Wenn der Lehrer vorne Unterricht macht oder in Gruppen gearbeitet wird und ich den Förderschülern im gleichen Raum etwas erkläre, steigt außerdem der Lärmpegel immens. Das war für meine Schüler ein riesiges Problem, weil sie ohnehin Schwierigkeiten haben, sich zu konzentrieren.“

Die ständige Überforderung durch den Lernstoff und die Umstände führt irgendwann oft zu einer völligen Verweigerung der Schüler und zu unangemessenem Verhalten den Lehrern gegenüber. „Es ist frustrierend, wenn man immer wieder merkt, dass man nicht mithalten kann. Einige Schüler ziehen sich völlig in sich zurück, andere langweilen sich – und stören. Sie merken dabei, dass Stören und Pöbeln etwas ist, was sie richtig gut können und womit sie sich in der Klasse – wenn schon nicht über schulische Leistungen – Anerkennung verschaffen: Guck mal, was der sich traut, wie dreist der sich dem Lehrer gegenüber verhält.

Die Lehrerin versuchte daraufhin für die Schüler bessere Lernbedingungen zu schaffen, indem sie eben das wieder einführte, was zuvor abgeschafft worden war: Getrennte Räume. „Um Ausweichräume zu finden, wanderte ich mit meinen Schülern oft durch das Schulhaus. Manchmal saßen wir auch im Flur.

Weiter äußerte sie: „Gerade für Schüler mit Förderbedarf sind solche Notlösungen schlimm. Die brauchen einen festen Rahmen, klare Strukturen und vor allem feste Bezugspersonen. All das hat gefehlt. Dazu kommt, dass kein Lehrer für jede Unterrichtsstunde Stoff auf vier bis fünf Niveaustufen vorbereiten kann. Das ist eine Illusion. In vielen Stunden war ich aber nicht dabei, um diese Lücke zu schließen. Dann haben die Förderschüler oft nichts vom Unterricht verstanden.

Die Situation wurde also für alle Beteiligten nur wesentlich schlimmer, eine Verbesserung sah sie offensichtlich in keinem Bereich. „Ich fand das alles so schlimm und war so unglücklich, dass ich es nicht mehr aushalten und nicht mehr mit mir vereinbaren konnte. Deshalb bin ich in den Ruhestand gegangen.“ Einfach auszusteigen ist für die anderen Beteiligten, gerade die Schüler, bedauerlicherweise nicht möglich. Hier könnte nur die Politik eingreifen, was von den etablierten Parteien allerdings nicht zu erwarten ist.

Eine weitere Lehrerin beschreibt die Lage ähnlich. Im Bezug auf teilweise anwesende Förderschullehrer äußert sie: „Das war für beide Seiten oft anstrengend. Wir störten uns gegenseitig, weil zwei Lehrer in einem Raum gleichzeitig zwei verschiedene Unterrichtsinhalte vermitteln mussten. Viele Schüler konnten sich nicht gut konzentrieren.“ Auch sie ergriffen daraufhin die Initiative und schufen in den Hauptfächern wieder eine getrennte Klasse für die Förderschüler, die von einer entsprechend ausgebildeten Lehrerin betreut wurde. „Das Konzept funktionierte gut – bis die Schulbehörde einschritt. Sie forderte Inklusion in allen Fächern. Deshalb findet auch der Hauptunterricht zum neuen Schuljahr wieder im Klassenverband statt. Die gegenseitige Störung ist programmiert. Außerdem haben wir gar nicht genug Förderlehrer, um alle Deutsch- und Mathestunden abzudecken.

Obwohl die Trennung also wesentlich besser funktionierte, fordert die Schulbehörde den gemeinsamen Unterricht. „Mit dem Konzept, das die Behörde fordert, werden viele Förderkinder jedoch nicht einmal mehr in den Hauptfächern qualifiziert betreut. Dann müssen auch dort wieder wir Regelschullehrer einspringen. Das ist sehr frustrierend, weil ich so immer das Gefühl habe, nicht allen Kindern gerecht werden zu können.

Auch die dritte Lehrerin schildert die Zustände an einer durchschnittlichen Inklusionsschule eher grausam, Raum- und Lehrermangel schaden allen Schülern. „Den Kindern mit Förderbedarf steht eigentlich eine Begleitung durch Förderschullehrer zu. Aber davon gibt es viel zu wenig. Förderschulen werden geschlossen oder zusammengelegt, und die Sonderschulpädagogen sind meistens für mehrere Regelschulen gleichzeitig zuständig. In meiner vierten Klasse haben die Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf ganze vier Stunden in der Woche Begleitung durch ihre Sonderpädagogin. Und dann müssen sie dafür in unserem Garderobenvorraum sitzen, weil wir keine geeigneten Räume und deren Ausstattung haben. Das ist ein riesiges Problem, denn es wird nicht das Beste für diese Kinder getan. Das, was ihnen zusteht, kommt nicht bei ihnen an.

Am Ende bleibt den Lehrern immer nur die Wahl zwischen Pest und Cholera: Entweder wird sich noch intensiver um die Kinder mit großem Förderbedarf gekümmert, während die anderen Kinder vernachlässigt werden oder die Kinder mit Förderbedarf kommen nicht mit. „Ich muss mich mit meinen GL-Schülern (GL=Gemeinsames Lernen) ganz intensiv beschäftigen. Sie brauchen besondere Begleitung und Zuwendung. Dann fehlt in einer Klasse mit 27 Schülern anderen Kindern die nötige Unterstützung, so dass einige auf der Strecke bleiben.

Die realen Erfahrungen zeigen durchgängig auf, dass das Konzept der Inklusion vollkommen gescheitert ist. Es schadet allen Schülern und überfordert die Lehrkräfte. Anstatt das einzusehen und zum funktionierenden System zurückzukehren, schauen die verantwortlichen Politiker lieber mit Scheuklappen nur auf die wenigen, stark finanziell geförderten Vorzeigeschulen und ignorieren die landesweite Realität. Den Eltern sollte die seelische Gesundheit und der Lernerfolg ihrer Kinder wichtig genug sein, um endlich dagegen aufzubegehren!

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Bildquelle: Dieter Schütz | pixelio.de

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